
Part Zwei
Wir begleiten und helfen dem Phoenix Barden auch in Kapitel 2 im Kampf gegen den Rabenkönig! (hier gehts zurück zu Kapitel 1)
Inhaltsverzeichnis
Die Wiederbelebung
Die Expedition
Letztes Update am 25.06.2026
Die Wiederbelebung
Leise knisterte das Lagerfeuer am Rande der Stadt Talfurt, ein schwacher Trost in einer Welt aus Eis und Dunkelheit. Jede Nacht versammelten sich die Menschen um dieses spärliche Licht, suchten Wärme und Halt in der Gemeinschaft, während sie den gnadenlosen Winter zu überleben versuchten. Die erbarmungslose Kälte hatte ihre Herzen ergriffen, und jeder Tag war ein Kampf gegen das Erfrieren und den Hunger. Nachdem der Rabenkönig den Eiszauber über das Land gesprochen hatte, schien jede Hoffnung auf Rettung erloschen. Der Phoenix Barde, ihr großer Held, war im Kampf gefallen und mit ihm starb auch der letzte Funken Zuversicht. Jetzt blieb den Bewohnern von Talfurt nur noch die Erinnerung an wärmere Tage, während sie sich aneinanderklammerten, um dem Tod zu trotzen.
Als das Feuer an diesem Abend zu knistern begann, wusste jeder, dass es keine gewöhnliche Nacht war. Im Schein des Feuers sah man den kalten Atem der Umstehenden. Die Menschen rückten näher zusammen, suchten Trost und Hoffnung in der Gemeinschaft, doch in ihren Herzen wuchs die Angst. Sie wussten, dass sie allein gegen die Dunkelheit und die Kälte kämpfen mussten und ohne ihren Helden schien dieser Kampf aussichtslos.
Ein hagerer, bärtiger Mann schritt durch die Reihen der Menschen und verteilte harte, vertrocknete Brotlaibe unter den Hungernden. „Hier“, sagte er mit sanfter Stimme zu einer verhärmten Frau. „Es ist nicht viel…“, fügte er stockend hinzu, seine Augen voll Mitgefühl. „Habt Dank!“, antwortete die Frau, ihre Stimme brüchig vor Erschöpfung, während sie den Laib Brot entgegennahm. Der Mann beobachtete, wie sie zitternd einen alten Topf aus ihren wenigen Habseligkeiten hervorholte und vorsichtig etwas Wasser hineingoss. Ihre Blicke trafen sich erneut. „Hoffentlich weicht es auf, bevor es zufriert“, murmelte sie niedergeschlagen und schaute auf das klägliche Mahl. Dann drehte sich ihr Kopf und ihr Blick wanderte auf das Bündel neben ihr. „Ist ja gut, mein Kleine“, sagte die Frau sanft und nahm das Bündel in ihre Arme. Liebevoll begann sie leise zu summen, ein tröstendes Wiegenlied, das in der klirrenden Kälte widerhallte.
Der Mann wandte sich ab, seine Gedanken schwer von der erdrückenden Last der Verzweiflung, die über Talfurt lag. „Seid gesegnet, mein Herr Teremir “, flüsterte die Frau, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. Teremir setzte ein freundliches Lächeln auf und nickte. Er schritt weiter durch die Reihen der Bedürftigen, die beiden Körbe voller Brotlaibe, die in ihrer Härte und Trockenheit kaum mehr als ein schwacher Trost waren. Dennoch nahm jede Hand das Brot dankbar entgegen.
„Hier, nimm“, sagte Teremir zu einem alten Mann, dessen eingefallene Wangen und hohle Augen die Härte des Winters verrieten. „Möge es dir ein wenig Kraft schenken.“ Der Alte murmelte ein leises „Danke“, bevor er sich mit zitternden Händen daran machte, das Brot in kleine Stücke zu brechen. Teremir setzte seinen Weg durch die zusammengesunkenen Menschen fort, sein Herz schwer von der allgegenwärtigen Not.
Die Nacht legte sich immer tiefer über Talfurt und die Kälte wurde schneidender. Teremir wusste, dass seine Bemühungen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein waren, aber er konnte nicht anders, als weiterzumachen. Die Erinnerung an den Phoenix Barden, den gefallenen Helden, brannte in seinem Herzen wie eine Flamme, die ihn antrieb. „Möge dein Opfer nicht umsonst gewesen sein“, murmelte Teremir leise vor sich hin, während er weiter durch die Reihen der Menschen ging, das letzte Brot verteilend. Er wusste, dass der wahre Kampf noch bevorstand, doch in dieser Nacht, unter dem düsteren Himmel, war jeder kleine Akt der Freundlichkeit ein Licht in der Dunkelheit. Stunden vergingen wie in jeder Nacht und erschöpft ließ sich Teremir an einem der Lagerfeuer nieder. Die Flammen warfen tanzende Schatten auf die vom Leid gezeichneten Gesichter der Menschen um ihn herum. Plötzlich erklang eine laute Stimme von der anderen Seite des Feuers.
„Er wird nicht wiederkommen!“, sagte ein junger Mann in zerfetzten Lumpen, sein Gesicht schmutzig und verzweifelt. „Wir sind alle verdammt, hier unter dem Eis zu sterben. Unsere Kinder, unsere Alten und wir werden hier draufgehen für ein Märchen und für einen verdammten Phoenix, der nicht wiederkehrt“, brüllte er in die Flammen. „Seraphin, mein Junge“, seufzte Teremir und sah den jungen Mann über die Flammen hinweg und mit müden Augen an. „Beruhige dich bitte und schone deine Kräfte.“„Ich soll mich beruhigen, Herr Teremir? Wann wollt Ihr der armen Saraja sagen, dass ihr Kind vor drei Tagen erfroren ist und sie eine Leiche in den Fellen herumträgt?“ Seraphins Worte hallten durch die Nacht, wie ein unheilvolles Echo, das sich in den Herzen der Anwesenden festsetzte. „Du lügst, Seraphin! Maika lebt! Sie ist nur müde und muss sich ausruhen!“, rief die Frau namens Saraja schrill dem jungen Mann entgegen. Ihre Stimme zitterte, eine Mischung aus Hoffnung und Wahnsinn. Sie streichelte dem kleinen Mädchen über die schönen braunen Locken, rieb mit ihren Händen am starren kleinen Körper und versuchte verzweifelt Leben in die kalten Glieder zu bringen. Die Tränen strömten unaufhaltsam über ihre Wangen, während sie unaufhörlich murmelte: „Wach auf, mein Schatz, wach auf.“
Teremir senkte den Blick, unfähig die Wahrheit auszusprechen, die in Seraphins Worten lag. Die Hoffnung, die in ihren Augen glomm, war ein zerbrechlicher Faden, an den sie sich klammerte und er konnte es nicht übers Herz bringen, diesen Faden zu zerschneiden. „Seraphin“, sagte Teremir leise, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern im Wind. „Manchmal ist die Wahrheit zu schwer, um sie zu tragen. Lass sie noch ein wenig hoffen.“ Die Worte hingen in der kalten Luft und für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Dann wandte sich Seraphin ab und ließ dabei die Schultern hängen. Das Lagerfeuer knisterte weiter, ein schwaches Symbol für die verbliebene Hoffnung in einer Welt, die von Dunkelheit und Kälte umhüllt war. Teremir neigte sich vor, ein leichter Seufzer entwich seinen Lippen, während er sich mühsam erhob. Seine Schritte waren bedacht, als er sich durch die Dunkelheit bewegte, sein Blick auf die einsame Frau gerichtet, deren Umrisse im flackernden Licht des Feuers schwach zu erkennen waren.
Als er schließlich neben ihr stand hörte er Saraja flüstern. „Es wird alles wieder gut, Maika. Mama ist bei dir. Du musst dich nur etwas aufwärmen. Dann gehen wir nach Hause und spielen mit deinen Brüdern fangen, ja? Das spielst du doch so gerne. Sie freuen sich schon so darauf“, flüsterte die Frau dem kleinen, leblosen Mädchen zu. Ihre Stimme zitterte, während sie sanft über die kalten Locken strich, ihre Worte durchdrungen von verzweifelter Hoffnung. Es herrschte eine bedrückende Stille nur unterbrochen durch das Knistern des Feuers, ein melancholisches Lied in der Stille der Nacht. Die Menschen um das Feuer blickten bedrückt zu Boden und dachten an ihre eigenen Verluste, ihre eigenen Kämpfe, alle verbunden durch das unsichtbare Band des gemeinsamen Leids. Teremir blickte Saraja ins Gesicht, in ihre gebrochenen Augen, die dennoch an einer letzten Hoffnung festhielten. Er wollte etwas Tröstendes sagen, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Stattdessen legte er ihr eine Hand auf die Schulter, eine stumme Geste des Mitgefühls und der Solidarität.
Die Flammen flackerten, und der Wind trug das leise Summen der Frau davon, als sie ihr Wiegenlied fortsetzte. Inmitten der Finsternis, in einem Land, das von eisiger Kälte gefangen gehalten wurde, kämpften die Menschen von Talfurt weiter, jeder auf seine Weise. Doch in dieser Nacht, am Rande des Lagerfeuers, waren sie nicht allein in ihrem Schmerz. Und manchmal, dachte Teremir, war das alles, was sie noch hatten: Ein kleines bisschen Wärme, ein Hauch von Gemeinschaft und das schwache, flackernde Licht der Hoffnung. „Seht Ihr, Herr Teremir?“, sagte Seraphin nun dicht hinter ihm. „Wo ist der Erlöser? Wo ist der, ach so tolle Phoenix Barde jetzt?“, fügte er erbost hinzu. „Wo war er, als Maika für immer eingeschlafen ist?“, sagte er und trat bei ein Holzscheit in die Glut. Teremir seufzte tief, die Last der Jahre und der Enttäuschungen auf seinen Schultern. „Er liegt begraben. Dort vor dem Klingengebirge in seinem steinernen Grab.“ Seraphin schüttelte resignierend den Kopf. „Jede Woche versammeln wir uns und singen diese Lieder. Wir beten dafür, dass er aufersteht. Aber nichts passiert. Ich sage, wir müssen jetzt aufstehen. Wir müssen dem Rabenkönig und seinem Schattenheer die Stirn bieten. Wir müssen kämpfen! Für Maika, für die Menschen hier und jeden anderen.“ Die Worte Seraphins hallten in den Köpfen der Anwesenden wider, ein Funke des Widerstands inmitten ihrer Verzweiflung. „Seraphin“, begann Teremir, seine Stimme leise, aber fest, „ich verstehe deinen Zorn, das tue ich wirklich, wir alle leiden unter der Herrschaft des Rabenkönigs. Doch ein Angriff ohne Plan, ohne Führung, wird uns alle ins Verderben stürzen. Wir müssen klug handeln.“ „Klug handeln?“, fauchte Seraphin zurück. „Wie lange sollen wir noch warten? Bis auch die letzten von uns tot sind?“ Ein Klatschen unterbrach den Streit. Abfällig klatschte ein alter Mann in die Hände und ging auf Seraphin zu. Sein genaues Alter war schwer zu sagen, doch seine Haare waren grau und ein struppiger Bart wehte im Wind. Trotz seines offensichtlichen Alters bewegte er sich geschmeidig, was nicht so recht zu seinem Erscheinungsbild passte. Mit schwarzen Augen, in denen sich das Feuer spiegelte, war kurz etwas Raubtierhaftes zu erkennen, als er sagte: „Mein junger Freund, ich teile deine Ansicht. Aber ich wusste gar nicht, dass du ein so großer Krieger bist. Wie viele Menschen sind bereits durch deine Klinge gefallen?“
Seraphin stammelte leise. „Ich besitze keine Klinge.“ Der alte Mann spottete: „Ach so. Dann nehme ich an, du möchtest den Rabenkönig überzeugen, das Eis schmelzen zu lassen?“ „Nein, das… das ist nicht… ich meine, natürlich müssen wir… auf jeden Fall“, murmelte Seraphin, während er seinen Gedanken zu sortieren versuchte. „Ich sehe schon“, lächelte der alte Mann vielsagend. „Es scheint, als hättest du nicht bis zum Ende gedacht, hm? Keiner von euch weiß, wie dieses Monster gestoppt werden kann. Der Rabenkönig empfindet keinen Schmerz. Er ist ein Schatten ohne Seele, mit einem eiskalten Herz. Schwarze Magie hat ihn beschworen, und ihr habt nicht einmal vernünftige Waffen, um gegen sein Heer der Schatten anzutreten. Ihr werdet alle sterben, bevor ihr auch nur in die Nähe seines goldenen Knochenthrons gelangt!“ Teremir trat entschlossen vor den alten Mann. „Gibt es also keine Hoffnung?“, fragte er besorgt. Der alte Mann blickte in Richtung des Klingengebirges und sprach nicht ganz ohne feierlichen Unterton „Es gibt Hoffnung. Aber jemand muss mich zum Grab des Phoenix Barden bringen.“
„Und dann, alter Mann? Was wollt ihr an diesem Grab?“, fragte Seraphin, der seinen Mut mittlerweile wiedergefunden hatte. Ein feierliches Lächeln zierte die Lippen des alten Mannes, als er mit lauterer Stimme als zuvor antwortete: „Dann werde ich den Phoenix Barden zurückholen und ihn auferstehen lassen!“ Ein lautes Raunen und Gemurmel erfüllten die Luft, als die Worte des alten Mannes die Runde am Feuer erreichten. Herr Teremir seufzte unüberhörbar und brachte mit zusammengebissenen Zähnen seinen Missmut zum Ausdruck: „Das Letzte, was diese Menschen jetzt brauchen, ist ein Geschichtenerzähler mit einer blühenden Fantasie!“ Ohne weitere Worte schritt der alte Mann zu der Frau, die immer noch summend ihr lebloses Kind in den Armen hielt. Er verharrte vor ihr, seine Miene ernst, mit gerunzelter Stirn, seinen Kopf zur Seite gelegt, bevor er sie ansprach und dabei mit einem Finger auf das regungslose Kind deutete. „Maika, richtig?“, fragte der alte Mann. Die Frau nickte verwirrt. „Ja, Herr.“ Er nickte wissend. „Und du bist Saraja, oder?“, fügte er lächelnd hinzu. Verblüfft antwortete Saraja: „Ja, das stimmt, Herr. Woher kennt ihr meinen Namen?“ Ohne auf ihre Frage einzugehen, betrachtete der alte Mann Saraja nun eingehender. „Saraja, alles, was beginnt, muss auch ein Ende finden. Der Tod ist beides: ein Anfang und ein Ende, ein Gleichgewicht in sich. Der Tod wird immer ein Gegengewicht fordern oder bringen. Und nun sag mir, Saraja, Tochter des Velian und der Agathe, was gibst du als Gegengewicht für Maikas Tod?“ Tränen rannen Saraja über die Wangen. „Alles! Ich würde alles geben!“, schluchzte sie flehend.
Der alte Mann nickte verständnisvoll und legte seine Hand auf ihren Bauch. „Ein Kind wächst in dir heran. Das blühende und volle Leben“, verkündete er mit beinahe erregter Stimme. Plötzlich durchzuckte Saraja ein Schmerz, der sie aufschreien ließ. Sie begann sich zusammen zu kauern und legte ihre Hände schützend um ihren Unterleib. Doch schon begann sich ihre Hose rot zu färben und eine blutige Pfütze sammelte sich auf dem Boden. Entsetzt schrie Herr Teremir: „Was habt ihr getan?“ Unter den angsterfüllten Augen der Mutter tunkte der alte Mann seinen Finger in das sich am Boden sammelnde Blut. Dann hob er seinen Arm und strich etwas davon auf die Stirn des Kindes.
Ein zorniger Ruck ging durch die Versammelten und einige griffen bereits nach ihren Knüppeln, als sich plötzlich Maikas Mund öffnete und ein schwaches leises Wimmern erklang.
Teremir blieb wie angewurzelt stehen, während sich sein Mund trocken anfühlte und er geschockt die Szene beobachtete. Der alte Mann erhob sich und wandte sich zu ihm um.“Ich nahm und ich gab, Herr Teremir.“, sagte er. „Und jetzt stellt mir eine Expedition zusammen. Ich muss einen Phoenix zurückholen“, verkündete der alte Mann mit lauter Stimme und festem Blick.
Die Expedition
Heller Nebel kroch durch die steinernen Gassen von Talfurt. Er legte sich wie ein grauer Schleier über Dächer und Mauern, verschluckte die Geräusche und ließ die Stadt wirken, als hielte sie den Atem an. An Türen und Fenstern fraß sich die Kälte fest, ließ Glas splittern und Holz knacken. Schnee türmte sich in den Winkeln, Eiszapfen hingen wie Dolche von den Dächern. Wer hinausging, sah den eigenen Atem sofort vor sich gefrieren und spürte, wie die Luft in den Lungen brannte.
Am frühen Morgen sammelten sich die ersten Mutigen, um sich der Expedition für den alten Mann anzuschließen. Ihre Gesichter waren bleich, ihre Bewegungen schwerfällig, doch in ihren Augen glomm ein Rest Entschlossenheit. Herr Teremir hatte bereits die Nacht damit verbracht, Vorräte und Waffen für die gefährliche Reise zum Klingengebirge zusammenzutragen. Jeder Handgriff war von der Last des Wissens begleitet, dass viele von ihnen nicht zurückkehren würden.
Seraphin trat gerade zur Gruppe, als Teremir ihn mit besorgten Augen musterte. Er ging zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du weißt, er hätte nicht gewollt, dass du dein Leben riskierst, Seraphin. Er hat dich über alles geliebt.“ Seraphin zog seine Schulter unter der Hand weg, seine Stimme bebte. „Wenn er mich, meine Geschwister oder meine Mutter so sehr geliebt hat – warum brach er dann auf zu einer Reise, die ein Einzelner unmöglich überleben konnte?“
Teremir seufzte, seine Stimme war weich und voller Verständnis. „Glaube, Hoffnung und Liebe trieben Sebastian an. Er glaubte an einen Ausweg, hoffte auf den Phoenix Barden – und liebte euch mit seinem ganzen Herzen. Er hatte keine andere Wahl, weil er euch die Sonne zurückbringen wollte.“ Tränen liefen Seraphin über die Wangen und gefroren sofort zu kleinen Eiskristallen. „Der alte Mann will den Phoenix Barden zurückholen. Er hat Maika ins Leben zurückgeholt. Wie könnte ich meinen Vater mehr ehren, als wenigstens zu versuchen, seinen Glauben an diese Legende wahr zu machen?“
Traurig nickte Teremir dem Jungen zu. „Ich werde auf dich achten, solange ich kann. Schon deinem Vater zuliebe. Aber sollten wir in Gefahr geraten – dann lauf so schnell du kannst und blicke nicht zurück.“ „Teremir!“ Die Stimme des alten Mannes durchbrach plötzlich die kalte Luft. „Ja, Herr!“, rief Teremir zurück und ging ihm schnellen Schrittes entgegen. „Wann sind wir so weit? Ich habe nicht ewig Zeit, auf euch zu warten“, sprach der Fremde. „Wir können in einer Stunde aufbrechen, sofern dann alles auf die Kutschen verladen ist.“
„Zeit ist eine kostbare Ressource, mein verschwenderischer Freund!“, sagte der alte Mann scharf, während er sich in Richtung des Haupttores begab. „In einer halben Stunde geht es los. Was dann fehlt, ist euer Problem!“ Seraphin spürte eine Gänsehaut, sobald er den Mann sah. Er fühlte sich ängstlich und überfordert mit der unheimlichen, mächtigen Präsenz, die dieser Fremde verströmte. Und doch zweifelte er keine Sekunde daran, dass dieser Mann den Phoenix Barden zurückbringen konnte. Nach einer halben Stunde setzte sich die Karawane in Bewegung. Über dreißig Männer und Frauen verließen die Stadt, um das Grab aufzusuchen, ihre Schritte knirschten dumpf im Schnee. Hoch oben über der Stadt wurden sie jedoch beobachtet: Ein Schwarm Raben hockte auf den Schornsteinen, den Mauervorsprüngen und über dem Haupttor. Als die Gruppe durch das Tor schritt, erhob sich die gefiederte Armee, und ihr bedrohliches Krächzen hallte wie ein Fluch über den Mauern. „Habt Ihr keine Angst, Herr?“, fragte ein Kutscher, während der Alte es sich auf einer Ladefläche zwischen Fellen und Vorräten notdürftig bequem gemacht hatte. „Wovor?“, fragte er. „Hört Ihr das Gekrächze nicht? Diese geflügelten Verräter werden gleich ihrem Herrn berichten, was wir vorhaben.“ Der alte Mann lächelte dünn, während der Schwarm über ihre Köpfe hinwegflog. „Das hoffe ich doch sehr.“
Die schwarzen Vögel machten sich so gleich auf den Weg zu ihrem Herrn und Meister und dessen düstere Heimat. Die Rabenklaue war die Festung des Rabenkönigs – ein düsteres Mahnmal hoch über der Eisschicht, die Talfurt umschloss. Schwarze Mauern ragten weit in den Himmel, aufgespießte Schädel umgaben die Zinnen, und Blut tropfte an den Steinen entlang. Drinnen im großen Thronsaal saß der Rabenkönig auf seinem Thron aus Gold. Der ganze Saal war mit Knochen übersät, und wer um Audienz bat, musste das laute Knacken der Gebeine unter seinen Füßen in Kauf nehmen. Ein Rabe ließ sich auf der Hand des schwarzen Herrn nieder. „Na, meine Hübsche? Bringst du mir Neuigkeiten?“ Das Tier hüpfte auf seine Schulter und krächzte ihm ins Ohr. Der König riss die Augen weit auf, packte den Vogel mit festem Griff um den kleinen Hals. „Und du wagst es, mir diese Nachricht einfach so zu überbringen?“, schrie er vor Wut und zerdrückte dem Tier den Hals. Das jämmerliche Kreischen, das um Vergebung bat, hallte durch die Halle, bis es abrupt verstummte. „Fangdorn!“ Ein dunkles Wesen glitt heran, ein fliegender Schatten über dem Boden. Seine großen roten Augen wurden nur durch die blitzenden, rasiermesserscharfen Zähne und Klauen übertroffen. „Ihr habt mich gerufen, Meister?“, zischte die Kreatur. „Solltest du mich nicht informieren, wenn der Herr der Zeit wieder auftaucht und versucht, sein Spielzeug zu reaktivieren?“
„Ja, darum hattet Ihr ersucht, Eure Grausamkeit. Daher habe ich fünf Eurer besten Schatten am Grab des Phoenix Barden aufgestellt.“ Seine Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen als er scharf fragte „Dann sag mir, Fangdorn – wie ist es möglich, dass der Herr der Zeit in Talfurt eine Expedition zusammenstellt und gerade in diesem Moment ins Klingengebirge reist?“ Die Kreatur riss die Augen auf und warf augenblicklich zu Boden. „Verzeiht, Meister! Ihr hattet befohlen, dass wir uns aus Talfurt zurückziehen sollen. Daher war keiner Eurer Männer oder Schatten mehr dort.“
Der Rabenkönig ballte die Faust und trat Fangdorn die Knochentreppe hinunter, jeder Aufprall auf dem Weg nach unten hallte wie Donner als der Rabenkönig mit schallender Stimme befahl, „Du wirst sofort mein Heer der Schatten zum Grab des Phoenix Barden aussenden und selbst sicherstellen, dass dieser nervige Feuervogel nicht zurückkehrt. Hast Du mich verstanden?“ Die Kreatur richtete sich ächzend wieder auf. „Natürlich, Meister! Ich bin schon auf dem Weg!“, sagte es und wollte den Thronsaal verlassen, als noch einmal die eindringliche Stimme des Rabenkönigs nachhallte: „Fangdorn! Solltest du versagen, wäre es besser für Dich nicht mehr zurückzukehren!“ Fangdorn nickte hastig und verließ die Rabenklaue mit dem Heer der Schatten. Schon bald würden sie die Karawane erreichen und dieses Problem beseitigen.
„Angriff! Das ist ein Hinterhalt!“, brüllte der Kutscher und riss den alten Mann aus dem Schlaf. Schlachtengetümmel, metallisches Klirren und gellende Schreie waren zu hören – der Morgen verwandelte sich in ein Schlachtfeld. In der Luft lag der beißende Geruch von Blut, Schwefel und nackter Angst. Der Herr der Zeit blickte aus dem Wagen. Schattenkreaturen stürzten sich auf die Wagen und die Reisenden. Menschen lagen bereits mit aufgeschlitzten Kehlen oder abgetrennten Gliedmaßen im Schnee und bettelten um Hilfe. Ein Bild, das er leider schon zu gut kannte. Der alte Mann seufzte und stand auf, hob seine Hände in die Luft und rief „Umbra recedit!“ Blitze schossen aus dem verfinsterten Himmel, und die Schattenkreaturen zerfielen augenblicklich. Zumindest schien es so. Der Schaden jedoch war bereits angerichtet. Auf einer Anhöhe lag Herr Teremir, den Kopf in Seraphins Schoß. Mehrere Wunden, aus denen unaufhaltsam Blut floss, kündigten sein nahes Ende auf dem Schlachtfeld an. „Seraphin… mein Junge… lauf weg… lass mich hier“, gurgelte es aus ihm hervor. „Wie könnte ich dich zurücklassen?“ Verzweifelt mit Tränen in den Augen schrie er den alten Mann „Alter Mann, so helft ihm doch!“.
Der Herr der Zeit kniete nieder und nahm Teremirs Hand. „Es tut mir leid, Junge. Seine Zeit läuft ab. Ihn zu retten, steht nicht in seinem Lebensbuch. Ich kann das Leid nur verkürzen.“ Seraphin blickte Teremir in die Augen. Dieser blinzelte milde und nickte ihm schwach zu. „Dann helfen Sie ihm bitte. Er soll nicht mehr so leiden.“ Der alte Mann nahm Seraphins Hand in seine und stülpte sie gemeinsam über Mund und Nase des Sterbenden. Laut schluchzend spürte Seraphin, wie Teremir verzweifelt nach Luft rang, wie der alte Mann ihre Hände fester auf das Gesicht presste – bis nach einem letzten Aufbäumen die Augen von Herrn Teremir erstarrten. Es war vollbracht. Völlig angewidert von dem alten Mann und sich selbst, brach Seraphin zusammen und übergab sich. „Ich sagte es bereits, junger Seraphin. Der Tod ist ein Gleichgewicht und nicht das Ende“, sprach der Alte ruhig. „Sein Leid wäre ohne uns noch viel, viel länger gewesen.“ „Verschont mich mit euren leeren Phrasen, alter Mann! Teremir ist wegen euch tot! Und damit meine ich nicht den Akt der Gnade. Ihr habt uns ins Verderben geführt! Zehn von uns sind tot, weitere sieben verletzt. Zwei Wagen stehen in Flammen, unsere Vorräte liegen verstreut. Und das Gebirge ist noch eine Tagesreise entfernt. Ich bin fertig mit euch und eurer Legende. Ich gehe jetzt heim, so wie Teremir es wollte.“ Seraphin drehte sich um und war im Begriff zu gehen – da wurde ihm plötzlich schwarz vor Augen. Kurz bevor er das Bewusstsein verlor, hörte er dumpf die Stimme des alten Mannes: „Tut mir leid, mein sturer Freund. Aber ich weiß nicht, wie viele ich von euch für das Ritual brauchen werde.“
Stunden müssen danach vergangen sein. Als Seraphin wieder zu sich kam, drangen dumpfe Schreie an sein Ohr. Verschwommen sah er, wie Perla, eine Freundin von ihm, von zwei Männern über das Grab des Phoenix Barden gezerrt wurde. „Bitte! Lasst mich gehen! Ich habe Familie! Ich will das nicht!“ Er sah, wie der alte Mann sich zu Perla hinunterbeugte und ihr die Tränen wegwischte. Doch im nächsten Moment schlitzte er ihr eiskalt die Kehle auf, und die Männer sorgten dafür, dass ihr Blut auf das Grab strömte. Seraphin wollte aufspringen, um ihr zu helfen, doch Fesseln hielten ihn an Händen und Füßen. Ein Stoffknebel sorgte dafür, dass sein Entsetzensschrei im Nichts verpuffte. „Ah“, sagte der alte Mann ruhig. „Wie ich sehe, ist Seraphin wieder wach. Gut.“ Je klarer Seraphins Blick wurde, desto mehr Grauen nahm er wahr: Drei leblose Körper lagen bereits neben dem Grab des Phoenix Barden – alles Menschen, die er gekannt hatte. Das Grab war bereits voll mit Blut. Traurigkeit und lähmende Wut schnürten ihm die Kehle zu. Wieder hörte er Schreie. Der verwundete Valion wurde von zwei Männern herangeschleppt und ebenfalls über das Grab gebeugt. Valion, ein tapferer Mann, erzählte abends am großen Feuer immer die besten Geschichten. Er kämpfte damals Seite an Seite mit Seraphins Vater und dessen Bruder gegen die Schergen des Rabenkönigs. Doch nun war dieser ehrenhafte Soldat dabei sein Leben zu verlieren. Und wofür?
Plötzlich spürte Seraphin eine Gestalt hinter sich – einen Hauch von Wärme inmitten der eisigen Luft, kaum mehr als ein Schatten, der sich aus der Dunkelheit löste. Eine Stimme flüsterte dicht an seinem Ohr, leise wie das Rascheln von Blättern im Wind: „Hör mir gut zu, Seraphin, Sohn des Sebastian. Ich schneide dich jetzt los. Aber du darfst Valion nicht retten – es wäre dein Ende. Lauf über den Pass im Osten hinunter ins Tal. Ich weiß, dass es in dir brennt, aber ich war hier schon öfter mit dir an dieser Stelle. Manche Dinge lassen sich nicht ändern. Glaube mir, ich habe es versucht.“ Seraphins Herz raste. „Wer bist du? Und warum warst du schon öfter hier mit mir?“, sprach er kaum hörbar zurück. „Eines Tages wirst du es verstehen. Und ich war hier schon öfter, weil du eben ein guter Mensch bist – und ein Dummkopf. Sei bitte, bitte diesmal ein kluger Feigling.“ Ein Rucken, und die Fesseln fielen zu Boden. Seraphin wirbelte sofort herum – doch die Gestalt war verschwunden, als hätte sie sich im Nebel aufgelöst. Vor ihm schlitzte der alte Mann Valion die Kehle auf, das Blut spritzte dunkelrot über den Stein und dampfte in der kalten Luft.
Instinktiv wollte Seraphin zur Hilfe eilen, doch etwas in seinem Inneren schrie lauter als sein Wille: Lauf!
Er nahm die Beine in die Hand und rannte um sein Leben in Richtung Osten. Er stolperte, fing sich wieder, während der Schnee unter seinen Füßen knirschte und die Kälte seine Lungen zerschnitt. Er wagte keinen Blick zurück. Aus der Ferne hallte die Stimme des Alten hinterher, getragen vom Wind, so gewaltig, dass sie den Himmel selbst zu zerreißen schien: „Ich habe dich erschaffen! Mach dir stets bewusst: Alles, was einmal anfängt, muss auch einmal enden!“ Das Firmament färbte sich in ein brennendes Rot, und ein riesiger Feuerkegel schoss in den Himmel auf. Eine sengende Hitze legte sich wie eine unsichtbare Hand auf Seraphins Haut. Selbst im Lauf spürte er die Glut, als wolle sie ihn verbrennen – und doch trugen ihn seine Beine weiter nach Osten, fort von dem Opfer und fort von der Stimme, die ihn verfolgte.